Charity des Monats: Straßenkinder e. V.

Von Benedikt Bentler am 17. Oktober 2013 | 11:10



Unsere Organisation des Monats im Oktober heißt Straßenkinder e. V.. Aus einer Streetworking-Initiative heraus entstand Straßenkinder e.V. im Jahr 2000. Eckhard Baumann und sein Team haben sich um Straßenkinder in Berlins Problembezirken gekümmert, sie versorgt und versucht neue Perspektiven zu schaffen. Irgendwann kam die Idee weiter vorne anzusetzen, gar nicht erst zuzulassen, dass Kinder auf der Straße leben müssen. Genau diese Idee ist nämlich der Hintergrund des Kinder- und Jugendhaus Bolle in Berlin-Marzahn. Die Kids können dort mit Gleichaltrigen ihre Zeit verbringen, bekommen Mahlzeiten und Hilfe bei den Hausaufgaben. Und nicht zuletzt werden die Jungen und Mädchen hier mit dem dringend notwendigen Erfahrungen und Lehren des Alltags vertraut gemacht. Sport, Spiel und Handwerk fördern das Gemeinschaftsgefühl ebenso, wie die gemeinsame Sorge um die Tomaten im Gemüsebeet hinter dem Haus. Vielen dieser Kinder und Jugendlichen ebnet Bolle als Mittelpunkt des sozialen Lebens den Weg in eine bessere Zukunft. Wir waren vor Ort, haben mit Initiator Eckhard Baumann über Straßenkinder e. V., das Haus, die Kids, über erschreckende Zustände und die hellen Momente gesprochen.

Kurz zu dir: Wie bist du zu Straßenkinder e.V. gekommen?

Das hat mit Streetworking angefangen. In Wedding hatte uns ein evangelischer Pastor angesprochen. Er sagte bei ihm in der Ecke halten sich jeden Tag an die 300 Straßenkids und Punks auf. Bei denen sind wir dann aufgeschlagen. Es reicht aber nicht die Kids auf der Straße anzusprechen. Man muss viel eher ansetzen. Man muss doch dafür sorgen, dass die Kinder gar nicht erst in diese Situation kommen. Das ist uns irgendwann klar geworden und war schließlich der Grundgedanke hinter dem Kinder- und Jugendhaus. Also haben wir uns auf die Suche nach einer geeigneten Immobilie gemacht und sind dafür zwei Jahre lang durch die Problembezirke Berlins gefahren. An einem Abend sprach uns eine Gruppe von Acht- bis Neunjährigen an und sagte sie wüssten da was. Die wollten direkt in unser Auto steigen. Daran merkt man doch gleich wo es hakt: Diese Kinder wissen einfach nicht, dass man nicht bei Fremden ins Auto steigt. Es hat ihnen nie jemand gesagt. Bildung ist das Stichwort. Und ich meine das nicht im rein schulischen Sinne, es geht vielmehr um Alltagswissen: Wo sind die Grenzen meines Handelns? Was kann ich tun, was sollte ich besser lassen? Und vor allem: Was dürfen andere mit mir tun und lassen? Vielen Kindern ist nicht klar, dass ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten sie eigentlich nicht verprügeln dürfen, denn sie haben es nie anders gelernt. Ähnlich sieht es bei sexuellem Missbrauch aus. Wir bringen den Kindern bei, was das ist - und dabei wurde gerade tatsächlich ein Fall von sexuellem Missbrauch aufgedeckt. Ein Mädchen ist nach Hause gegangen und hat gesagt: "Die im Kinderhaus Bolle haben mir gesagt, dass ich da unten gar nicht angefasst werden darf, wenn ich das nicht will." So kam eins zum anderen, jetzt ist die Polizei an der Sache dran. Das ist erschreckend.



Bildung als gesamtgesellschaftliche Stellschraube, um Armut und Missstände zu verhindern?

Ja durchaus. Aber das Problem kann kaum in der Schule behoben werden: Man stelle sich die Schullaufbahn als tatsächlichen 100-Meter-Lauf vor. Die Kinder hier stehen beim Startschuss gar nicht an der Linie, sondern 30 Meter dahinter. Ein Beispiel: Auf dem Weg in die Ferienfreizeit an der Ostsee fuhren wir an einigen Seen vorbei. Ein Junge fragte mich, ob einer dieser Tümpel der Ostsee sei. Er war vielleicht zwölf oder dreizehn, das darf doch nicht sein. Vielen Kindern fehlt der Bezug zwischen dem Schulwissen und Realität, weil es ihnen zu Hause niemand erklärt. Als wir dann an der wirklichen Ostsee ankamen, konnte man förmlich sehen wie es "Klick" macht. Viele Kinder waren das erste Mal am Meer, konnten das erste Mal eine Sandburg am Strand bauen. Das sind tolle Momente. Ein Mädchen, dass ich auch wirklich schon seit langem kenne, hat jetzt gerade ihre Ausbildung zur Erzieherin abgeschlossen. Vorher hat sie auf der Straße gelebt und ständig Scheiße gebaut (lacht). Es tut wahnsinnig gut zu sehen, wie jemand die Kurve kriegt.



Wie viele Kinder kommen insgesamt regelmäßig ins Kinder- und Jugendhaus Bolle?

Also insgesamt sind es bestimmt an die 300 Kinder, die wir betreuen, manchmal 150 an einem Tag. Das ist aber eigentlich über unserem Limit. Und dann gibt es ja auch noch unsere Streetworker, die jeden Tag Mahlzeiten an den für Straßenkinder bekannten Ecken austeilen und so den Kontakt zu vielen weiteren Kindern und Jugendlichen halten. Hier am Kinderhaus ist jetzt ein mehrgeschossiger Anbau geplant. Es soll auch eine Beratungsstelle für Eltern geben und vor allem noch mehr Platz! Der Verein hat sich inzwischen schon professionalisiert, aus Ehrenamt wurde Beruf. Dass wir aber nah dran bleiben und uns nicht durch professionalisierte Strukturen von den Kindern und unserer eigentlichen Aufgabe entfernen, hat für uns oberste Priorität.

Angenommen ich wohne an einem Spielplatz, auf dem Tag und Nacht die gleichen Kids abhängen. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Kids auf der Straße leben. Was sollte ich tun?

Am besten erkundigst du dich nach einem örtlichen Streetworker-Team. Oder du meldest dich beim Jugendamt. In vielen Bezirken ist das Jugendamt allerdings eh schon überfordert, das Streetworker-Team ist im konkreten Fall die bessere Adresse. Man sollte aber auf keinen Fall Kinder mit nach Haus, beziehungsweise mit in die eigene Wohnung nehmen. 

Was empfiehlst du den boost-Nutzern, die sich noch mehr für Straßenkinder e. V. einsetzen wollen? Wie kann man aktiv mitmachen, sich engagieren?

Wir können immer gute Leute gebrauchen. Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, muss nur Kontakt via Mail mit mir aufnehmen. Aber ich sage auch: Diese Arbeit ist nicht für jeden gemacht. Das merkt man in der Regel aber auch recht schnell.

Vervollständige zum Abschluss diesen Satz: Ich möchte eine Welt, in der...

...alle Kinder die gleichen Chancen haben. 

Vielen Dank für dieses Interview.

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