Charity des Monats: Familienhafen e.V.

Von Benedikt Bentler am 14. November 2013 | 10:11


Die Charity des Monats November heißt Familienhafen e. V. Die 2007 gegründete Organisation kümmert sich um die Begleitung von Familien in Hamburg, deren Kinder lebensverkürzend und unheilbar erkrankt sind. 44 speziell geschulte ehrenamtliche Mitarbeiter, genannt Lotsen, betreuen derzeit 42 Familien. Wie der Lotse in der Schifffahrt wirkt auch der Lotse des Familienhafens als Begleiter, um das Schiff "Familie" in der schwierigen Lebenssituation sicher auf Kurs zu halten. Das heißt, die Lotsen spielen mit den erkrankten Kindern und den Geschwistern, führen Gespräche mit den Eltern, versuchen die Familien in ihrer unvorstellbar schwierigen Lage zu unterstützen - und zwar abseits medizinischer Pflege oder hauswirtschaftlicher Tätigkeiten. Diesen Mitarbeitern gebührt der größte Respekt - zumal es sich um ehrenamtliche Arbeit handelt. Um euch den Familienhafen e. V. noch ein wenig näher zu bringen, haben wir mit Hendrik Grafelmann gesprochen. Er ist verantwortlich für das Sozialmarketing und selbst Lotse.

Wie bist du selbst zum Familienhafen gekommen, gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ja das kann man schon so sagen. Ich war nach meiner Ausbildung ein Jahr lang in Neuseeland. Zurück in Deutschland habe ich meinen Zivildienst angetreten. Ich sollte einen fünfjährigen Jungen in der Schule begleiten, er der sowohl körperlich als auch geistig eingeschränkt war. Ich bin vorher nicht wirklich mit Kindern mit Behinderung in Berührung gekommen, aber diese Zeit hat mich geprägt. So kitschig sich das auch anhört, diese besonderen Kinder haben mein Herz berührt. Als ich dann nach Hamburg gezogen bin, fiel schnell der Entschluss mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung arbeiten zu wollen. Aus Neugier begann ich meine Arbeit im Kinderhospizbereich und nun bin ich schon über vier Jahre lang Fundraiser und für den Familienhafen tätig. Außerdem betreue ich selbst mit viel Leidenschaft eine Familie als Lotse. Es tut gut zu sehen, dass unsere Unterstützung den betroffenen Familien wirklich hilft. Aber die Arbeit ist, und das gilt für viele hier, mehr Berufung als Beruf.

Wie genau gestaltet sich die Arbeit der Lotsen?

Die Diagnose einer unheilbaren, lebensverkürzenden Krankheit bei einem Kind ist für die Familie eine unendlich schwere Last. Unsere Lotsen helfen ganz individuell, diese Last ein bisschen zu erleichtern. Dazu gehört die Begleitung der erkrankten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch das Spielen mit den Geschwistern. Außerdem sind sie wichtiger Gesprächspartner der Eltern. Unsere Arbeit beinhaltet keine medizinische Pflege oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Unser Anliegen liegt darin, psychosoziale Entlastung zu schaffen und eine Begleitung in der eigenen Häuslichkeit anzubieten. Die Familien bestimmen dabei den Kurs, wir akzeptieren die Familien als Erstversorger ihrer Kinder zu 100 Prozent. Wir sind eben nur Lotsen, keine Kapitäne. 


Was sind denn die Voraussetzungen für die Arbeit als Lotse? Muss man da aus einem speziellen Holz geschnitzt sein? Auf der Website des Familienhafens habe ich die Geschichte des kleinen Kjell gelesen. Nur das Lesen hat mich schon sehr traurig und betroffen gemacht. Wäre ich Lotse bräuchte ich nach einer Begleitung sicher selbst Hilfe.

Bevor unsere Lotsen in die Begleitung gehen, durchlaufen sie eine 120 Stunden umfassende Schulung. Dort werden sie gründlich vorbereitet, setzen sich mit dem Thema Sterben, Tod und Trauer auseinander, lernen viel über Kommunikation und Kinderhospizarbeit. Aber trotzdem kann die Arbeit mit den betroffenen Familien nicht jeder leisten. Anders als im geregelten Ablauf und in der Sicherheit im stationären Hospiz, sind unsere Ehrenamtlichen im ambulanten Bereich besonders gefordert: Sie gehen in die Familien, müssen dort Krisensituationen aushalten und erleben soziale Not - zusätzlich zu der Gewissheit um das Sterben des Kindes. Leider können wir die Diagnose der Kinder auch nicht mehr verändern. Die Geschichte um die Familie des kleinen Kjell ist bemerkenswert, Kjells Mutter weist unglaublich viel Kraft auf. Sie hat noch drei weitere Kinder, zwei davon sind ebenfalls lebensverkürzend erkrankt. Sie engagiert sich stark für den Familienhafen und ist auch in unserem Vorstand tätig. Ich persönlich glaube, dass viele Menschen in der Lage sind, in unseren Familien zu helfen - ob als Lotse oder Unterstützer. Unsere Koordinatoren finden mit den Interessierten heraus, ob die Arbeit mit den Familien das Richtige für jemanden ist. Zum eigenen Schutz und zur Reflexion der Arbeit ist Supervision (Beratung für Mitarbeiter in psychosozialen Berufen, Anm. d. Red.) fester Bestandteil beim Familienhafen - auch Seelsorge, Teambesprechungen und Trauerberatungen gehören dazu.

Was empfiehlst du den boost-Nutzern, die sich noch mehr für den Familienhafen einsetzen wollen? Wie kann man aktiv mitmachen und sich engagieren?

Wer uns aktiv unterstützen möchte kann sich gerne mit uns in Verbindung setzen. Die Schulungen und die Angebote für die teilnehmenden Lotsen sind kostenlos und werden über Spenden finanziert. Weitere Infos und Termine findet man direkt auf unserer Website. 

Vervollständige zum Abschluss diesen Satz: Ich möchte eine Welt...

... In der mehr Menschen dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

Bild 1: Ehrenamtliche Lotsin Nicole Daffinger mit den Kindern Finn Ole (12), Linnea (11) und Tjorben Petrowski (8)

Bild 2: Hendrik Grafelmann
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