Charity des Monats: discovering hands®

Von Benedikt Bentler am 19. Februar 2014 | 11:02


Im Februar setzen wir der Organisation "discovering hands®" die Charity-Krone auf. discovering hands® hat kein geringeres Ziel, als eine neue Methode der Brustkrebsfrüherkennung zu etablieren. Der Tastsinn blinder und sehbehinderter Menschen ist deutlich ausgeprägter, als bei Menschen mit voll funktionierendem Sehorgan: "Warum setzt man diese Begabung nicht für Tastuntersuchungen ein?", dachte sich der Gynäkologe Dr. med. Frank Hoffmann. Von der vagen Idee bis zur Planung und jetzigen Umsetzung sind einige Jahre vergangen, doch nun sind bereits Frauen mit Sehbehinderung als Medizinische Tastuntersucherinnen (MTU) im Einsatz. Die tatsächliche Durchsetzung dieser Tastuntersuchungen durch MTUs wäre ein Gewinn für alle Beteiligten. Stefan Wilhelm von discovering hands® hat uns im Interview verraten, warum das so ist.


Hallo Stefan, erzähl uns doch mal kurz deine eigene discovering hands® Geschichte.

Meine Karriere startete von Anfang an im Bereich Social Entrepreneurship. Erst habe ich bei Dialogue Social Enterprise in Hamburg gearbeitet, später ging es dann der Liebe wegen in den Westen und sofort zu discovering hands®. Die Idee ist phänomenal, ich musste sofort mitmachen. Es gibt keine Verlierer und dennoch ein trag- und zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Wir haben auch ganz Start-Up-mäßig mit Tapeziertischen im Kellerbüro angefangen (lacht), doch mittlerweile gibt es ein richtiges Büro.

Ihr werbt damit, dass die discovering-hands®-Methode nur Gewinner hervorbringt. Das hört sich erst mal ziemlich unglaublich an, wie funktioniert das? Alles hat doch einen Haken.

Im Zentrum steht natürlich die Patientin. Es geht darum, ihr eine bestmögliche Brustkrebsfrüherkennung zu bieten. Gynäkologen müssen Tastuntersuchungen anbieten, sind darin aber nicht so gut wie unsere MTU, was einerseits an der besonderen Gabe unserer MTU liegt, zum anderen am Zeitdruck unter dem die Ärzte arbeiten müssen. Die MTU nimmt sich mindestens eine halbe Stunde Zeit pro Patientin. Blinde und sehbehinderte Menschen, die als MTU arbeiten, sind ebenfalls Gewinner. Sie bekommen eine Aufgabe, die tatsächlich nur sie ausführen können. Statt uns auf die Behinderung zu konzentrieren nutzen wir die vorhandene Begabung - und das in einem „normalen“ Arbeitskontext. Menschen mit Behinderung rufen im gesellschaftlichen Kontext oft zunächst einmal Mitleid hervor. Die Patientinnen der MTU aber kommen aus der Untersuchung und denken: "Wow, das ist jemand, der richtig was kann, eine Expertin auf ihrem Gebiet." Das ist der gesellschaftliche Mindset-Change, den wir verfolgen. Denn so rückt die allgemeine Defizitorientierung unserer Gesellschaft in den Hintergrund und vorhandene Stärken treten ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Und die Ärzte?

Die Ärzte profitieren insofern, als dass sie zunächst einmal einen besonderen Service anbieten, denn noch hat ja längst nicht jede Praxis eine MTU. So wie wir es bis jetzt wahrgenommen haben, ist es auch für die Praxisteams eine tolle, neue Erfahrung mit einer MTU zu arbeiten, Stichwort: Inklusion. Tatsächlich haben wir jetzt schon eine hohe Nachfrage von Ärzten, die gern eine MTU einstellen würden. Es mangelt nur an den Damen. Die Krankenkassen profitieren ebenfalls. Sie übernehmen die Brustkrebsvorsorge mit bildgebenden Verfahren erst im höheren Alter, die reguläre Tastuntersuchung in der gynäkologischen Praxis steht am Anfang der diagnostischen Kette und wird schon wesentlich früher von der Kasse übernommen. Es gibt Zahlen aus Großbritannien nach denen die Krankenkassen bis zu 60.000 Euro pro Patientin sparen, wenn die Krankheit ausreichend früh erkannt wird. In dieser Summe stecken nicht nur die Behandlungskosten, sondern auch der Verdienstausfall, der durch eine solche Krankheit zustande kommt. Derzeit gibt es ähnlich wie bei den Praxen auch noch den Marketing-Effekt, da noch nicht jede Krankenkasse diese Behandlung anbietet.

Ist es schwierig die Krankenkassen zu überzeugen?

Wir haben im Moment das Henne-Ei-Problem. Eine große Krankenkasse möchte den Service natürlich sofort bundesweit anbieten. Eine solche Nachfrage könnte derzeit aber nicht bedient werden. Deshalb sind bisher vor allem verhältnismäßig kleine Krankenkassen dabei, auch wenn wir schon mit einer großen im Gespräch sind. Wir sind eben ein Slow-Growth-Model, alles dauert seine Zeit. Wir dürfen zu keinem Zeitpunkt die Qualität der MTU-Fortbildung oder der Behandlung gefährden, nur weil wir zu schnell zu viel wollen.

A propos Ausbildung. Wie läuft die eigentlich ab?

Die MTU durchlaufen eine Fortbildung, keine Ausbildung. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn unsere Fortbildungen laufen über die berufliche Rehabilitation. Langfristig möchten wir natürlich eine reguläre zweijährige Ausbildung zur MTU nach Berufsbildungsgesetz anbieten, dann könnten wir auch direkt an Blindenschulen dafür werben und so den Pool an Kandidatinnen wesentlich vergrößern. Aber so etwas zu etablieren ist kompliziert. Die derzeitige Fortbildung dauert neun Monate. Bevor Kandidatinnen zugelassen werden, durchlaufen sie ein mehrtägiges Assessment, in dem festgestellt wird, ob die teilnehmenden Frauen überhaupt für den Job als MTU geeignet sind. Blindheit aufgrund von Diabetis II zum Beispiel bringt eventuelle Nervenschäden mit sich, die sich auf den Tastsinn auswirken können. Auch Sozialkompetenzen müssen gecheckt werden. Die eigentliche Fortbildung beinhaltet dann sechs Monate Theorie und drei Monate Praxis. Teil der Ausbildung sind übrigens auch 200 Stunden reines Kommunikationstraining. Der sensible Umgang mit dem Thema "Brustkrebs" hat neben der medizinischen Seite oberste Priorität. Nach abgeschlossener Fortbildung gehen die MTU dann in die Praxis. Übrigens spart auch der Staat dabei eine Menge Geld: Es geht hier um langfristige Arbeitsplätze. Menschen mit Behinderung werden in Deutschland oft schon viel zu früh in Rente und damit aufs Abstellgleis geschickt. Wir holen sie zurück in den Arbeitsmarkt, langfristig und nachhaltig. So profitiert auch die öffentliche Hand, weil Renten- und Sozialkassen entlastet werden.

Könnten Männer diesen Job nicht auch machen?

Diese Frage bekommen wir häufig gestellt. Prinzipiell ja. Aber es geht hier um eine mindestens halbstündige Tastuntersuchung an der weiblichen Brust. Das lässt sich nicht mit dem höchstens dreiminütigen Abtasten in der regulären gynäkologischen Praxis vergleichen. Gleichzeitig geht es um das Verhältnis der Frau zu ihrem Körper, insbesondere in der Nachsorge, in der die MTU auch arbeiten. Es besteht kein klassisches Arzt-Patient-Verhältnis, es ist viel persönlicher. Deshalb halten wir es zunächst für die bessere Idee, nur Frauen als MTU einzusetzen.


Um eine systematische und exakte Tastuntersuchung zu gewährleisten, habt ihr diese Streifen entwickelt, die für die Untersuchung auf die Brust geklebt werden. Wie genau funktioniert das System?

Die Streifen werden auf den Oberkörper der Patientin geklebt: einer in der Mitte, zwei über den Brüsten und noch einmal zwei an den Seiten. Damit wird der Oberkörper in vier Zonen eingeteilt, die der MTU als Orientierung dienen. Die Streifen bilden also eine Art Koordinatensystem auf dem Oberkörper ab, anhand dessen die MTU das Brustgewebe Quadratzentimeter für Quadratzentimeter abtastet - mit einer speziellen, standardisierten Tasttechnik, dem sogenannten „MTU-Walzer“, sodass drei Gewebeschichten untersucht werden. Gibt es einen Tastbefund, kommt der Arzt bzw. die Ärztin hinzu, stellt die Diagnose und leitet Folgeuntersuchungen ein. Gleichzeitig sind diese Streifen das tragende Geschäftsmodell von discovering hands®. Sie werden von einem Hersteller speziell für uns hergestellt und kosten 10 Euro pro Untersuchung. Insgesamt kostet eine Tastuntersuchung 46,50 Euro, es bleiben dem Arzt also 36,50 Euro - genug um die MTU angemessen zu entlohnen. Auch mittel- und langfristig, denn die Erfahrung zeigt, dass die große Mehrzahl der Patientinnen gerne wieder zur MTU geht und das Angebot weiterempfiehlt.

Setze zum Abschluss folgenden Satz fort: Ich möchte eine Welt...

Ich möchte eine Welt, in der wir einander entsprechend unserer Begabungen beurteilen, und nicht entsprechend unserer vermeintlichen Defizite verurteilen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit weiterhin mit discovering hands®.


Stefan Wilhelm von discovering hands®

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