Charity des Monats: Lesen & Schreiben e.V.

Von Benedikt Bentler am 19. September 2014 | 13:09

 

Lesen & Schreiben ist ein in Berlin ansässiger Verein, der sich darum kümmert, dass Menschen mit funktionalem Analphabetismus richtig lesen und schreiben lernen: Mit Ganztagsschule, sozialpädagogischer Betreuung und Begleitung beim Kampf gegen die Schwierigkeiten des Alltags. Das Problem ist gigantisch und betrifft zirka 7,5 Millionen Menschen in Deutschland - mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Was ist funktionaler Analphabetismus überhaupt? Menschen mit funktionalem Analphabetismus haben so große Lücken beim Lesen und Schreiben, dass sie im Alltag nur schwer oder gar nicht zurechtkommen. Gründe dafür gibt es trotz Schulpflicht eine ganze Menge, wie Alfred Henkel und Rosemarie Lüttich im Interview berichten. Dementsprechend groß sind die Herausforderungen für Lesen und Schreiben e. V. Unsere Charity des Monats!

Hallo Frau Lüttich, hallo Herr Henkel, erzählen Sie doch kurz etwas zu Ihrer Person und wie Sie bei Lesen & Schreiben e. V. gelandet sind.

Frau Lüttich: Ich bin seit 2002 hier beim Verein Lesen & Schreiben e. V, seit zwei Jahren auch im Vorstand. Ich arbeite hier ehrenamtlich und bin im Berufsleben Lehrerin. Über viele Jahre hinweg war das zunächst auch ein Lernprozess für mich. Die Arbeit hier ist keineswegs einfach nur eine Fortsetzung meines beruflichen Alltags. Im Oberstufenzentrum hatte ich mit Auszubildenden zu tun, das ist hier wirklich anders. Mit der Zeit wurde daraus ein umfassenderes Engagement für die Problematik des funktionalen Analphabetismus.

Herr Henkel: Ich bin seit 2009 hier und habe lange Zeit mit Rosemarie zusammengearbeitet. Wir waren sozusagen ein Tandem. Zuvor habe ich in einer Schule für geistig behinderte Kinder gearbeitet. Auch da war die Arbeit anders als hier. Mir kommt zugute, dass ich bereits im Laufe meiner Berufstätigkeit mit einem sehr kleinschrittigen Lernprozess konfrontiert war. Ich habe immer gesagt: man kann mich nicht erschrecken. Für mich ist der Lernprozess ein ganz substanzieller und spannender Prozess im Leben eines jeden Menschen. Wer lernt, wer vorankommt, wird aufgebaut. Die Stimmung steigt, es geht den Menschen besser. Meine Motivation besteht darin, die Menschen so zu unterstützen, dass sie tatsächlich nach vorne kommen.

Frau Lüttich: Das würde ich zu einhundert Prozent unterstützen. Und: Ich habe das Gefühl hier mindestens so viel zu lernen, wie die Lerner selbst. Diese Orientierung auf das Kleinschrittige, auf bestimmte Prinzipien. Es war und ist eine Herausforderung - eine andere Art, einen gemeinsamen Lernprozess zu organisieren als in der Schule.

In der vereinseigenen Werkstatt werden auch ganz praktische Dinge hergestellt. 

Wie funktioniert der Lernprozess und wie unterscheidet er sich von der Regelschule?

Frau Lüttich: Die Lerner kommen zu uns und machen zunächst einen Einstiegstest im Schreiben. Dabei geht es um 100 Wörter unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade. Das beginnt bei einsilbigen, sehr einfachen Worten bis hin zu schwierigeren. Damit wird der Stand festgestellt. Je nachdem, wie viel sie richtig haben, werden sie dann in eine von vier Gruppen eingegliedert. Das bedeutet aber keineswegs, dass innerhalb einer Gruppe alle auf dem gleichen Level sind. Im Gegenteil: Jeder ist auf seinem eigenen Level. Das ist auch das Schwierige daran.

Für die Einsteiger hat der Verein ein Lernmaterial entwickelt. Ein Lernbuch gehört dazu, speziell für Menschen die ganz wenig schreiben können. Dabei arbeiten wir mit der Silbenmethode, die Wörter werden also nach und nach zusammengesetzt.

Herr Henkel: Wenn man zum Beispiel das Wort Salami buchstabiert, bringt das nichts. Wenn man aber über die Silben geht, erscheint das einleuchtender und verständlicher.

Frau Lüttich: Es gibt auch keine Zensuren. Wir wollen ja keine Misserfolge vor Augen führen. Es gibt keine Klassenarbeiten. Natürlich gibt es Lernstandskontrollen, die wir einsetzen, wenn wir es für sinnvoll halten. Wir wiederholen die Schreibtests vom Anfang auch in regelmäßigen Abständen. Das lieben die Teilnehmer, denn das zeigt die Erfolge, das ist ein Ansporn. Auch für uns Lehrenden gibt es große Unterschiede zur Arbeit in der Regelschule - sogar abseits des Unterrichts: Hier wird wirklich im Team gearbeitet. In der Regelschule ist der Lehrer doch irgendwie ein Einzelkämpfer und lässt sich ungern in die Karten gucken. Wir haben einmal im Monat eine Teambesprechung, da teilen wir uns über die Teilnehmer aus. Es hat auch niemand Scheu zu sagen, wo es hakt oder wo etwas nicht klappt. Das ist schon eine tolle Erfahrung und wirklich anders als in der Schule: Ganz ohne Druck aber mit ebenso großer Verantwortung.

Im Video erstellt Alfred Henkel Lesen & Schreiben noch einmal vor.

Wie funktioniert die Finanzierung?

Frau Lüttich:Spenden, Vereinsbeiträge und für die Lerner zahlt das Jobcenter, da die meisten Teilnehmer Hartz IV beziehen. Daher entscheidet das Jobcenter auch, wie lange die Lerner bei uns bleiben. Wenn das Jobcenter merkt, dass es aufgrund mangelnder Kenntnisse beim Lesen und Schreiben Probleme bei der Vermittlung gibt, dann kommen sie zu uns. Manche bekommen ein Jahr bewilligt, manche nur ein halbes Jahr. Dann muss um Verlängerung gekämpft werden, weil die Vorstellungen natürlich auch sehr illusionär sind, wie schnell man das Lesen und Schreiben lernen kann. Also die Anfänger brauchen eigentlich schon drei Jahre um eine Grundlage zu haben, auf der sie selbst weiter lernen können. Für die Fortgeschrittenen sind es eher so zwei Jahre.

Der Verein hat spezielle Lernmaterialien erstellt - perfekt auf die Bedürfnisse von erwachsenen Menschen mit funktionalem Analphabetismus abgestimmt.

Ist ja auch irgendwie klar. Bei Kindern dauert es ja schon mehrere Jahre, bei Erwachsenen natürlich noch einmal länger, weil sie einfach nicht mehr so schnell lernen können wie Kinder.

Herr Henkel: Genau. Dazu kommen noch seelische Störungen. Ein Großteil der Teilnehmer muss zunächst einmal das Lernen lernen. Es gibt da oft massive Blockaden. Man kann denen nicht einfach was vorsetzen und die nehmen das auf.

Frau Lüttich: Deshalb ist es auch so wichtig, dass das Programm sozialpädagogisch begleitet wird. Wir sind Ansprechpartner für alle Belange und Schwierigkeiten, die sie vom Lernen und Arbeiten abhalten. Das müsste es eigentlich auch Da fehlt so etwas ja häufig auch oder kommt zu kurz.

Was ist das Alpha-Bündnis Neukölln?

Frau Lüttich: Im Alpha-Bündnis sind kleinere Unternehmen und Vertreter anderer Vereine und Einrichtungen vertreten. Unsere Mitarbeiter und unserer Lerner schulen öffentliche Einrichtungen und Unternehmen wie zum Beispiel Praxen und Behörden.

Herr Henkel: Es geht darum, die Mitarbeiter für den Umgang mit Menschen mit funktionalem Analphabetismus zu sensibilisieren. Man muss diese Menschen ja auch erstmal erkennen: Viele Teilnehmer haben über Jahre hinweg Ausweichmannöver und Vermeidungsstrategien entwickelt, um das nicht sichtbar werden zu lassen und dennoch durchs Leben zu kommen. Diese Mitarbeiter bei den Unternehmen sollen eine Sensibilität für den Umgang mit funktionalem Analphabetismus entwickeln. Das ist das Anliegen. Die Lerner werden dabei miteinbezogen, denn die haben die Fachkompetenz über diesen Zustand. Die Lerner können die beste Auskunft darüber geben, was funktionaler Analphabetismus bedeutet und wie man so damit lebt. Viele Teilnehmer dieser Schulungen sind von den Erzählungen, von den Biografien der Betroffenen sehr gerührt. Eigentlich alle gehen aus so einer Schulung völlig anders raus, als sie reingekommen sind.

Frau Lüttich: Für die geschulten Unternehmen gibt es eine Plakette, die sie an der Eingangstür anbringen können. Betroffene wissen dann: Hier kann ich hingegen. Dadurch fallen Hemmnisse weg, die Betroffenen müssen keine Angst haben.

Wenn man so lange in einer Institution wie dieser hier arbeitet, bekommt man dann eine Ahnung davon, was die eigentlichen, gesellschaftlichen Probleme sind, die dazu führen, das erwachsene Menschen nicht lesen und schreiben können? Ist das sehr individuell oder kann man da schon allgemein Dinge benennen?

Frau Lüttich: Es ist schon sehr individuell. Aber trotzdem wiederholen sich Dinge und es gibt übergreifende Aspekte, die vermieden werden könnte, wenn man sie frühzeitig angehen würde - also in der Grundschule oder weiterführenden Schule. Die großen Klassen sind zum Beispiel ein Problem: Da geht manch einer unter. Da kann ein Lehrer auch tatsächlich wenig machen. An den Regelschulen wird auch zu wenig Sozialarbeit geleistet. Häusliche Probleme werden gänzlich ausgeklammert, verhindern das erfolgreiche Lernen unter Umständen aber entscheidend. Sei es Krankheit, sei es eine Lernschwierigkeit im Allgemeinen. Manche Kinder legen das von allein ab, andere aber nicht. Und denen könnte man schon helfen. Daneben gibt es aber tausend individuelle Schicksale, auf die selbst die beste Schule keinen Einfluss hätte. Zu frühes Einschulen ist übrigens auch ein Problem: Manche Kinder sind einfach noch nicht reif für die Schule und es fehlt unter Umständen das eine entscheidende Jahr.

Die Kinder werden ja auch immer eher eingeschult.

Frau Lüttich: Zum Glück hat Berlin ja da schon einen Rückzieher gemacht. Ich halte ehrlich gesagt auch nichts davon.

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Wer mehr über die Problematik des funktionalen Analphabetismus erfahren möchte, dem sei die LEO-Studie ans Herz gelegt. Sehr erhellend.

Rosemarie Lüttich, Vorstandsmitglied bei Lesen & Schreiben e. V.

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